Sonntag, 4. März 2012

Gedankenreise im Herbst

Es begab sich dereinst im letzten Herbst, die Blätter färbten sich gerade golden, das Ruth die rote Plastikrose in ihrem Zimmer fand, die ihr Stephen ihr geschenkt hatte. Lange saß sie auf ihrem Bett und ging in Gedanken auf eine Reise in die Vergangenheit. Wie lange war es her? Wohl ein Jahr, damals war es auch Herbst gewesen, das sie ihn zuletzt gesehen hat. Sie hatten sich im Riesenrad auf dem Jahrmarkt kennengelernt und sind danach oft miteinander ausgegangen. Wie lange waren sie zusammen gewesen, wie lange hatte es gedauert bis zu jenem schicksalhaften Tag? Wohl nur ein halbes Jahr, eine kurze Zeitspanne vielleicht, aber es waren Momente des Glücks gewesen. Aber ach, was musste geschehen um sie daran zu erinnern, das nicht jedes Glück ewig währt? Ruth hatte ihren Geldbeutel an der S-Bahn-Haltestelle verloren und Stephen bot sich an ihn für sie zu holen. "Ich laufe doch eh viel schneller als du", hatte er mit einem Zwinkern gemeint und war losgelaufen. Es war noch kalt gewesen, Winter, es lag Schnee und war glatt. Der Fahrer des Autos an der Kreuzung hatte doch noch versucht auszuweichen, doch keine Chance. Stephen verstarb noch am Unfallort in Ruths Armen. Sie war unfähig gewesen über ihr Handy den Notarzt zu rufen.

In diesem Fall hatte ich nur einige Wörter vorgegeben und die Geschichte musste sich um ebendiese Wörter herum entwickeln. Ich würde auch echte Rosen vorziehen. ;)

© Kimira 
 

Die Maske vor der Schwester

Das knarzende Geräusch der Rolltreppe war kaum noch zu ertragen. Es war eine Frage der Zeit, wann sie ihren Geist aufgeben würde. Es waren noch fünf Stunden bis Feuerabend. Sie freute sich auf das Essen mit ihm. `Platsch´ machte es. Vor ihren Füßen lag eine aufgeplatzte Tasche. Mitten in diesem kleinen Chaos lag ein Foto, teilweise bedeckt von Münzen. Sie traute ihren Augen nicht.

War das denn nicht Jonas? Ein Passbild, klein und biometrisch gemacht, wie es den gesetzlichen Anforderungen entsprach, aber es ging Lizbeth nicht um die Machart des Fotos, sonder darum, was es in einer fremden Damenhandtasche zu suchen hatte. Mit großen Augen schaute sie zu der fremden Frau hinab, die eiligst den Inhalt wieder einräumte und von ihrer Fassungslosigkeit gar keine Notiz nahm. Normalerweise hätte Lizbeth ihr geholfen, das war geradezu eine Selbstverständlichkeit für sie. Jetzt konnte sie nur dastehen, das Knarzen der Rolltreppe war zu einem Dröhnen in ihren Ohren geworden, vibrierte hart in ihrem Trommelfell, schlich sich ein in ihren Kopf, brachte die Synapsen in ihren Gedanken ganz und gar durcheinander. Wurde sie denn bereits betrogen? Die junge Frau schaute der Anderen hinterher, die ohne ein Wort zu sagen oder sie überhaupt eines Blickes zu würdigen von dannen geschritten war. Gut sah sie ja aus, mit ihrem langen schwarzen Haar, dem Wollkleid, das bis an die Knie reichte, der blickdichten Strumpfhose und den Pömps. Ach, das Haar war doch bestimmt gefärbt, das Kleid ganz fusselig, die ersten Laufmaschen würden sich bald ergeben oder der Absatz würde brechen, wer weiß? Und wen kümmerte es? Tatsache war doch, sie hatte ein Foto von ihrem Freund gehabt und Lizbeth wollte heute Abend mit Jonas aus essen gehen. Wollte er sie so etwa abspeisen, im wahrsten Sinne des Wortes? Meinte er ein wenig Kerzenschein hier, ein wenig Spaghetti da und dort vielleicht noch ein Glas Rotwein und schon wäre sie, Lizbeth, gnädig genug gestimmt ihm zu verzeihen, das sie leider nicht mehr seine Nummer 1 wäre und im Zuge dessen doch bitte die gemeinsame Wohnung räumen dürfe. Bitter lachte Lizbeth über diesen Gedanken, nein, so würde es nicht kommen, nicht nach fünf Jahren, nicht nach all den Höhen und Tiefen erst des Schulalltags und jetzt der Ausbildung. Die Zeit verging, die angehende Kauffrau im Einzelhandel versuchte so gut es ging sich von den düsteren Gedanken abzulenken, was ihr dank ihres Berufes auch recht leicht fiel. Und endlich kam er, der für alle erlösende Schlag zum Feierabend. Lizbeth zog ihren Mantel an, überprüfte mit einem kurzen Blick in den Spiegel ihr Äußeres - unnötig sich darüber Sorgen zu machen, denn sie war eine bildhübsche Frau, wie viele fanden - und trat über den Personaleingang ins Freie. Was sie nun sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren: Jonas und die Fremde, miteinander scherzend, lehnten an der gegenüberliegenden Mauer. Hastig schluckte Lizbeth den Kloß, der ihr in der Kehle brannte hinunter und stapfte zu den beiden hinüber. War ihr Gesichtsausdruck auch nicht zu trotzig? Wen interessierte das denn noch? Jonas ging lächelnd auf sie zu, umarmte sie kurz und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange. "Schatz, darf ich dir meine Schwester vorstellen? Also nicht wirklich Schwester, aber wir kennen uns von klein auf und waren stets so unzertrennlich wie eben Geschister!" Lizbeth und die `Schwester´, die Norah hieß machten sich miteinander bekannt. Doch die Tränen in den Augenwinkeln versiegten nicht, das Herz in Lizbeths Brust kannte die Antwort schon, zu bekannt das Gefühl des betrogen worden seins. Und sie setzte die Maske auf und spielte mit.

Der kursiv geschriebene Teil war vorgegeben, den Rest musste man sich dazu ausdenken. Ich denke, ich habe es gut gemacht.

© Kimira 
 

Freitag, 25. März 2011

Der Alte

Dort droben im Wald, da steht eine einfache Hütte, da lebt ein alter Mann. Wie lange er dort nun schon wohnt, vermag keiner zu sagen. Am Markttage sieht man ihn durch das Dorf am Fuße des Berges, auf dem der Wald ist, durch die Gassen schlendern, ruhig und gemächlich im Gang, die Miene ernst und gütig zugleich. Es schien als habe dieser graubärtige Gesell schon viel von der Welt gesehen, doch habe seinen Frieden mit ihr geschlossen.
Nun begab es sich dereinst in einer vom Wind umtosten, kalten Oktobernacht, das er vor seiner Hütte saß und ein kleines Feuer in einem windgeschütztem Eck unterhielt als er aus der Nachtschwärze des Waldes ein Knacken hörte, wie es kein Luftzug hätte verursachen können.
Er verharrte in der Bewegung, faltete die Hände zwischen den Knien zusammen und wartete. Den Blick fest auf die Quelle des Geräuschs gerichtete, welche seine nun schon altersschwachen Augen nicht ausmachen konnten.
Ein Rascheln, ein Zweig wurde beiseite geschoben und eine junge Frau betrat die Lichtung. Ihr dunkelblondes Haar hing ihr wirr im Gesicht, Blätter und Zweige hatten sich darin verhangen und auch sah es aus, als hätte sie geweint.
Sekundenlang starrten sie einander an, dann machte der Alte einen Handzeig auf den Baumstamm neben sich: „Bitte. Setz dich.“
Erst starrte die Frau ihn an als hätte sie schon lang kein freundliches Wort mehr gehört und dessen Bedeutung vergessen. Aber schließlich ging sie zögernden Schrittes auf den Stamm zu und setzte sich unbeholfen.
Die Nacht schritt voran, keiner sagte ein Wort, sahen ins Feuer als könnten sie darin die Zukunft lesen und wie sie da gemeinsam saßen flaute der Wind ab.
„Der Sturm zieht weiter“, meinte der Alte ohne seinen Blick abzuwenden.
„Nicht der in meinem Kopf“, entgegnete die Junge ebenfalls ohne ihren Kopf zu wenden.
„Das wird er auch nicht, wenn du ihn in dir begräbst.“
Die Blonde seufzte, strich sich eine verirrte Haarsträhne aus den Augen. Eine Weile schwieg sie, senkte den Blick. Sprach dann zu Erde und Moos, berichtete, was geschah:
„Ich habe einen Freund, er kommt aus der Stadt, wo die Menschen nicht so borniert sind wie bei mir im Dorfe. Meine Familie und sowieso alle Einwohner sind der Meinung, er übe einen schlechten Einfluss auf mich aus, dabei stand mir der Sinn schon immer nach Veränderung. Und jetzt... jetzt bin ich schwanger von ihm. Ich lief fort, fort, denn ich kann dieses Kind, das in meinem Leibe wächst weder abtreiben noch austragen, ohne das es unbemerkt bleibt. Am Besten wäre es doch, ich würde sterben und dies Geheimnis mit ins Grab nehmen.“
Hier musste sie abbrechen, bedeckte kurz ihre Augen um die Tränen zu verbergeb, die ihr wieder über die Wangen rollten.
„Schau“, der alte Mann nahm einen Ast. „Dieser Ast bist du jetzt.“ und er brach ihn mühelos entwei, „Sieht du, wie leicht er zerbricht? Hingegen“, und er nahm mehrere Äste zur Hand und bog sie, doch nicht einer ging zubruch, „einige Äste, die zusammen halten kann nichts zerstören. Sei Teil des Bündels und rede offen mit deiner Familie und deinem Freund.“

Als der Alte am nächsten Morgen erwachte lag ein ordentlich geschichtetes Bündel Äste neben seiner Schlafstätte. Die junge Frau war fort.
Er lächelte.

©Kimira